Crespi d’Adda: das geplante Leben einer Fabrikgemeinde
Crespi d’Adda bewahrt eine ungewöhnlich vollständige Fabrikgemeinde: Produktionsstätte, Wohnungen, Versorgungseinrichtungen und öffentliche Bauten sind als zusammengehörige Siedlung angelegt. Der Ort liegt in Capriate San Gervasio in der Lombardei, zwischen Adda und Brembo und am Fuß der Alpen. Cristoforo Benigno Crespi gründete das Dorf für die Beschäftigten seiner Textilfabrik. Sein Sohn Silvio Benigno Crespi entwickelte die endgültige Gestalt weiter, nachdem er deutsche und englische Baumwollspinnereien studiert hatte.
Die Geometrie der Siedlung macht ihre soziale Ordnung sichtbar. Eine von Capriate kommende Hauptstraße teilt den Ort; links der Adda lagen Fabrikgebäude und Büros, auf der gegenüberliegenden Seite entstand das Dorf in einem rechtwinkligen Raster aus drei Zeilen. Mehrfamilienhäuser besaßen eigene Gärten, und die Gestaltung der Wohnhäuser unterschied sich je nach Stellung ihrer Bewohner innerhalb der Fabrik. Zu den Einrichtungen gehörten eine Klinik, eine Schule, eine Konsumgenossenschaft, ein kleines Theater, ein Sportzentrum, Waschhäuser und ein Wasserkraftwerk, das kostenlos Strom lieferte. Kirche, Schloss, Verwaltungsgebäude und die Häuser der leitenden Angestellten ergänzten die symbolische und administrative Ordnung.
Crespi d’Adda ist deshalb weder bloß ein Industriemuseum noch eine Arbeitersiedlung. Der Welterbewert liegt im erhaltenen Zusammenhang von Produktion, Wohnen und gemeinschaftlicher Infrastruktur. Bis in die 1970er-Jahre blieb das Dorf im Besitz eines einzigen Unternehmens. Später gingen viele Häuser an Privatbesitzer über; die industrielle Tätigkeit nahm ab, die Einwohnerzahl sank. Öffentliche, private und industrielle Gebäude sind weiterhin intakt, auch wenn sich Farben und Nutzungen verändert haben. Die Produktion lief bis 2004. Eingetragen wurde Crespi d’Adda 1995 nach den Kriterien (iv) und (v). Die Zukunft dieser Kulturerbestätte hängt davon ab, wie sich die ungewöhnlich vollständige Stadtstruktur unter veränderten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen erhalten lässt.
