Nord-Pas-de-Calais: Kohlebergbau als Landschaft der Gesellschaft
Das Nord-Pas-de-Calais-Bergbaubecken bewahrt nicht nur einzelne Maschinen oder Fördertürme, sondern die territorialen Folgen des Kohleabbaus. Die Stätte erstreckt sich über die Départements Nord und Pas-de-Calais und folgt auf einer weiten Ebene dem französischen Teil des nordwesteuropäischen Kohleflözes. Die UNESCO klassifiziert sie nach den Kriterien (ii)(iv)(vi) als Kulturstätte und trug sie 2012 ein. Ihre serielle Struktur verbindet 108 erfasste Bestandteile zu einer größeren Landschaft.
Entscheidend sind Maßstab und gesellschaftliche Vollständigkeit. Förderanlagen, Fördertürme und erhaltene Industriegebäude stehen neben Halden, Senkungsgewässern, Wäldern, Kanälen, Eisenbahnlinien und Förderbändern. Arbeitersiedlungen, Gartenstädte, Einfamilienhäuser und Mietskasernen verbinden den Abbau mit dem Alltag. Schulen, Kirchen, Krankenhäuser, Bahnhöfe, Rathäuser, Gewerkschaftsräume und Sportanlagen zeigen, wie die Gemeinschaften organisiert waren. Die Stätte dokumentiert zudem den internationalen Austausch von Bergbautechniken und Wohnmodellen sowie die Migration von Arbeitskräften.
Das Becken lässt sich auf drei Ebenen lesen: als technisches Objekt oder Gebäude, als mittlerer Raum eines Zechenstandorts oder einer Arbeitersiedlung und als weiter Horizont der vom Bergbau geformten Landschaft. So wird es nicht auf ein einziges Leitmonument reduziert. Die UNESCO weist auf eine ungleichmäßige Integrität der industriellen Zeugnisse hin, während die wirtschaftlichen und sozialen Werte weiterhin erkennbar sind. Zur Geschichte gehören Gefahren, große Katastrophen wie Courrières, die Solidarität der Arbeiter sowie die Ausbreitung gewerkschaftlicher und sozialistischer Ideale. Wegen des weit verzweigten Netzes der Bestandteile sind aktuelle Informationen vor Ort für die Planung unverzichtbar.

